Jahresbericht 2017 - Spielwerkstatt Kleinhüningen
 
Welch wichtigen Einfluss die räumliche Situation auf das Geschehen in der Spielwerkstatt hat, durften wir in den letzten Jahren immer wieder feststellen. Vielleicht lässt sich sagen: Die Ein- und Ausrichtung eines Raumes wird je wichtiger, je freier, je offener das Geschehen ist, welches darin stattfindet. 
In unserem Falle ist dieses Verhältnis prekär: Weder gibt es in der Spielwerkstatt einen Auftrag, eine Anleitung für die Kinder, wie und was überhaupt zu machen ist, noch stösst man auf Regelsysteme oder Rollenverständnisse, welche in Stein gemeisselt wären.
Umso bedeutsamer wird auf diesem unsicheren Terrain das Setting des Raumes als haltstiftendes Element. 
 
So durften wir uns nicht wundern, dass die auf Frühling/Sommer 2017 angekündigte Fassadenrenovation des Gebäudes, welches die Spielwerkstatt beherbergt, und der in diesem Zuge ebenfalls durchgeführte Einbau eines Lüftungssystems in unseren Räumlichkeiten massive Implikationen auf unseren Betrieb haben wird. 
 
Es waren in der Tat sehr fahrige Wochen: Just als die ersten warmen Tage im Anzug waren, wurde ein Baugerüst errichtet, welches unseren hofseitigen Zugang verstellte und uns die Hälfte vom Tageslicht nahm. Das Spielen im Innenhof mussten wir aus Sicherheitsgründen untersagen, ständig fiel Baumaterial von oben herab. Das ständige Kommen und Gehen von Handwerkern, welche die Spielwerkstatt als Durchgang benutzten, lieblos abgestelltes Baumaterial, Baulärm, usw. belasteten unseren Betrieb sehr. Somit suchten wir oft das Weite – wir machten mit den Kindern Ausflüge in die nahegelegenen Langen Erlen oder aufs Ackermätteli. 
 
Der Einbau einer Lüftungsanlage erforderte dann kurz vor den Sommerferien das vollständige Abbauen und Ausräumen unserer Werkstatt. Für diese grosse Arbeit schlossen wir unseren Betrieb für eine Woche.
Wenigstens damit konnten wir uns trösten: Die vollständige Neueinrichtung unserer Werkstatt - welche wir in der letzten Sommerferienwoche vornahmen - zwang uns gewissermassen nochmals zu einem genauen Nachdenken, wie und mit was wir mit den Kindern arbeiten können und wollen. 
Die Diskussionen, welche diese Arbeit mit sich brachte, ging zwangsläufig über in eine Konzeptarbeit, was unsere Methodik und unser eigens Rollenverständnis betrifft. Dabei tauchten einige Fragen auf: 
Was müssen wir bereitstellen, damit den Kindern ein selbstständiges und selbstverständliches Gestalten ermöglicht wird? Wieviel Gestaltungs- oder Spielideen, wieviel ‚Input’ unsererseits braucht es? Wieviel Rücksicht müssen wir auf die Kinder nehmen, denen – sei es generell, sei es durch eine momentane Stimmung – ein gestalterisches Arbeiten unmöglich ist? Wie ermöglichen wir einen Schutzraum für jene Kinder, die in die Spielwerkstatt kommen, um ernsthaft und konzentriert an etwas zu arbeiten? 
 
Unsere Erfahrung zeigt, dass das Soziale und das Gestalterische/Künstlerische in der Spielwerkstatt fast nicht voneinander zu trennen ist, bzw. unumgänglich miteinander verquickt ist. Weder können wir uns ausschliesslich auf eine gestalterische Arbeit ausrichten – das hiesse, all jene Kinder auszuschliessen, welchen das im Moment unmöglich ist. Noch dürfen wir uns allzu stark auf ein soziales (manchmal fast therapeutisches) Arbeiten konzentrieren – darüber verlören wir unser Konzept und jene Kinder aus den Augen, denen das Gestalterische am Herz liegt. Interessant ist, wie diese Verquickung sich auch in den Entstehungsprozessen spiegelt:
Eine sozialer Konflikt – ein Wutanfall – findet seine Lösung im Erfinden einer Geschichte. Langeweile und Frustration endet im Zerstören kiloweiser Kartonplatten, was wiederum einen künstlerischen Prozess in Gang setzt – der zerhäckselte Karton ist Ausgangspunkt für eine Skulptur. Und in der Umkehrung: Ein sozialer Konflikt findet erst über das gestalterische Arbeiten seine Austragung. 
Ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit besteht darin, die Nöte, Wünsche und Ängste, mit welchen die Kinder bei uns ankommen, ernst zu nehmen und sie darin zu begleiten, diesen auf eine konstruktive Weise gewahr zu werden. 
 
 
Mathis Rickli, April 2018