Jahresbericht 2015 – Spielwerkstatt Kleinhüningen
Rückblick auf die letzten vier Jahre
 
Auch nach vierjähriger Arbeit an diesem Ort fällt es mir schwer zu formulieren, was die Spielwerkstatt ist. Immer aufs Neue geprägt durch unsere eigene, veränderliche Sicht- und Arbeitsweise und die ständig wechselnden Bedürfnisse unserer jungen Besucher scheint sich dieser Ort einer soliden Definition beharrlich zu entziehen. Was die Spielwerkstatt ist, was in ihr geschieht und wo sie hin will, darauf finden wir keine beständige Antwort. 
 
Dieses Dilemma teilen die uns besuchenden Kinder nicht. Die Frage scheint gar nicht zu existieren in ihrem Katalog möglicher Fragen und würde sie gestellt, die Reaktionen fielen lapidar, erstaunt, desinteressiert aus.
Ohne Hinterfragen beanspruchen sie den Raum, nehmen uns in Anspruch und es wäre verkehrt, liefe es andersrum. Die Kinder kommen, wir sind da, das Wie, Was und Warum ist nebensächlich. Die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, mit der hier etwas undefiniert bleiben darf, dürfen wir uns zugute halten.
In erster Linie, so kann man vielleicht sagen, ist die Spielwerkstatt eben genau das: ein offener, ein undefinierter Raum. 
 
Die Undefiniertheit ist gewachsen. Betrachtet man die Spielwerkstatt über die letzten vier Jahre, liesse sich eine Kurve zeichnen, die ein stetes Wegfallen von Strukturen markiert.  
Wo vor vier Jahren noch viele kollektive Rituale und Regeln den Alltag der Spielwerkstatt strukturierten, etwa der gemeinsame Kreis am Anfang eines Nachmittags, das pünktliche Zvieri, das Fluchverbot, sind die Kinder nun einem nahezu leeren Raum gegenübergestellt, auf dem es Vieles immer wieder neu auszuloten gilt. 
Die Leere des Raumes – und damit ist die Absenz von Spielsachen genauso wie das Fehlen von moralischen, religiösen oder pädagogischen Vorgaben gemeint– gilt es auszuhalten. Während die Kinder in der Leere zurückgeworfen sind auf sich selbst und nicht selten auf ihre Langeweile, bedeutet sie für uns eine permanente Konzeptarbeit. 
 
Viele Kinder, die neu in die Spielwerkstatt kommen, sind mit einer solchen Situation erstmals überfordert – sie verwechseln sie mit Beliebigkeit. Durch unseren Verzicht auf ein konventionelles Regel- und Strafsystem sind die Kinder hin- und hergerissen, zwischen der empörten Forderung nach mehr Ordnung und Sanktion einerseits, andererseits aber einem umso heftigeren Austesten, wo denn unsere Grenzen liegen. Gut, haben wir da die älteren Kinder, die mit unserer Haltung schon besser vertraut sind. Warte nur, flüstern sie den Jüngeren, die Zeit, wo dein Verhalten seinen Tribut fordert, wird schon noch kommen. Sie wissen, dass wir zwar auf sofortige Sanktionen verzichten, unsere Haltung aber alles andere als beliebig ist. Unsere Reaktion auf Regelverletzungen, Frechheiten oder Verweigerungen berücksichtigt den dahinterliegenden Sinn; als Symptom der Nöte, Ängste oder Wünsche, welche die Kinder umtreiben. Nicht zuletzt lautet darum unser Anspruch, dass sie lernen, sich selbst auszuhalten und sich vielleicht ein bisschen besser zu verstehen und anzunehmen.
Natürlich ist das anstrengend. Man stelle sich vor: dreissig Kinder, die es alle „wissen wollen“, in einem stets neu zu definierenden Raum, der in seiner Offenheit dazu einlädt, sich und seine Wirkung auf Andere auszuprobieren. Die Ausprobierlust, welcher wir insbesondere auch im Gestalterischen Platz einräumen, führt nicht eben zu einem konstanten Arbeiten. Unsere Tage sind dynamisch, chaotisch, wild und jedes Mal anders. 
Eine Verbindlichkeit zu schaffen, inmitten diesem wirren, aber von Begehrlichkeiten vollen Raum, erfordert von uns Präsenz und Erneuerungsenergie. Ganz wesentlich hilft uns dabei unsere eigene Freude, unser Interesse am Gestalten, an der Kunst. Diese dient als Träger eines unumstösslichen Anspruches: In der Kunst verlangen wir etwas. Schnelles Lob über eine Gefall-Zeichnung gibt es bei uns nicht zu holen. 
Den entstandenen Werken der Kinder messen wir eine hohe Wichtigkeit zu, in deren Betrachtung und Kommentierung sind wir ernsthaft und kritisch.
Das kleine Stückchen Kunst, welches wir von den Kindern fordern, ist eine der wenigen Konstanten in diesem veränderlichen Raum. 
Manchmal braucht es länger, bis jemand fähig ist, dies zu geben, und manchmal werden wir überschüttet ob der dankbaren (Auf-)Forderung.
Theatralisch fluchend, mit gespielter Empörung, werfen sie es uns dann hin, das Ersehnte: eine Zeichnung, ein Text, ein Musikstück, etwas Echtes, Persönliches, Schöpferisches.
Unser Fordern ist nicht weniger theatralisch und wir fordern umso insistierender, je gewisser die schöpferische Kraft des jeweiligen Kindes auf der Hand liegt. Möglich wird das durch unser grundlegendes Vertrauen darauf, dass jedem Kind eine solche Kraft innewohnt und auf je eigene Weise zu einem Ausdruck finden will.
So schwankend, so unbestimmt, gar widersprüchlich wir in vielem sind: An dieser Qualität -am kleinen Stückchen Kunst -halten wir fest. 
Es ist dies unser Stand-Punkt, der gleichzeitig hilft, aus dem Gewirr der drängenden Unersättlichkeit der kindlichen Ansprüche den roten Faden zu finden - zum kleinen Stückchen Kunst, das das Geschehen in der Spielwerkstatt trägt, bestärkt und erhebt.
 
Mathis Rickli
März, 2016