Jahresbericht 2016

Das Jahr 2016 brachte für die Spielwerkstatt einige grundlegende Veränderungen. Mit der Abschaffung des Mittagstisches sowie den Kinderbeiträgen, der Auflösung der ‚festen Gruppen’ und der damit verbundenen ‚totalen’ Öffnung betrat die Spielwerkstatt ein weitgehend unbekanntes Terrain. Was die mittel- und langfristigen Auswirkwirkungen dieser wesentlichen strukturellen Änderungen sein werden, konnte und kann niemand abschätzen. Die Ungewissheit wurde zusätzlich noch befördert durch das verstärkte Aufkommen der Tagesstrukturen. Durch den Wegfall der festen Gruppen und der damit verbundenen Loslösung unserer Betreuungspflicht waren gerade die Eltern jüngerer Kinder mit der Entscheidung konfrontiert, sich für eine Tagesbetreuung an- und bei uns abzumelden.
 
Die strukturelle Erneuerung wirkte sich auf fast alle Ebenen unserer Arbeit aus. Inhaltliche, methodische und ‚pädagogische’ Fragen mussten neu verhandelt werden – nicht zuletzt direkt mit den Kindern zusammen.
 
Unsere eigenen Unsicherheiten gegenüber vieler dieser neuen Fragen liessen ein Spannungsfeld entstehen auf dem die Kinder, ebenfalls verunsichert, ins schwimmen gerieten und mit Verweigerungen, destruktivem Verhalten und Grenzaustestungen unsere Arbeit teilweise massiv erschwerten.
 
Der Wegfall der von den Eltern bezahlten Gebühren löste eine Irritation bei den Kindern aus. Viele von ihnen fürchteten sich um ihr gefühltes Vorrecht, das ihnen Sicherheit und Vorteile versprach. Der geschützte Rahmen, in dem sie sich zu ihrer Zeit mit viel Mühe integrieren konnten, wurde plötzlich geöffnet und nun dürfen alle kommen. Nicht wenige Kinder reagierten darauf mit der Wut und Enttäuschung von Betrogenen.
Auf der anderen Seite konnten sich jene, welche die Beiträge schon seit längerer Zeit nicht bezahlten, aber trotzdem immer wieder Gast waren, mit doppeltem Genuss breit machen in der Spielwerkstatt.
 
Interessant ist das Phänomen der Kopplung von Wertschätzung und Geld, das wir indirekt, von den Eltern durch die Kinder, zu spüren bekamen.
Wenn etwas gratis ist, so ist es nichts wert, glaubten wir sie durch die Kinder sprechen zu hören. Die damit einhergehende Geringschätzung unserer Arbeit, unserer Räume und Materialien gegenüber kostete uns sehr viel Energie.
 
Dass wir dabei auf keinen Elternkontakt zurückgreifen konnten – die Kinder waren ja nicht mehr angemeldet bei uns – machte die Sache nicht leichter. „Ihr seid nicht meine Lehrer, ihr seid nicht meine Eltern, ihr habt mir also nichts zu sagen“ war ein oft gehörter Spruch der älteren Kinder. Was sind wir dann? – Eine Antwort auf genau diese Frage zu finden schien uns unsere Hauptaufgabe zu sein.
Wie lässt sich eine Verbindlichkeit herstellen unter diesen schwierigen Bedingungen? Wie begegnen wir Grenzüberschreitungen?  Wie lässt sich ernsthaft inhaltlich arbeiten bei einer dermassen hohen Fluktuation? Was machen wir, wenn das obere Limit an Kindern, die wir aufnehmen können, erreicht ist? Dürfen wir Kinder, die sich seit Wochen nur destruktiv verhalten, aus der Spielwerkstatt ausschliessen? Wie ginge das überhaupt, ohne die Türe zu verriegeln? Wie erreichen wir im Ernstfall die Eltern?
 
All diese Fragen nahmen uns innerhalb des ersten halben Jahres voll in Anspruch. In der Arbeit an der Verbindlichkeit mussten wir akzeptieren, dass wir fast vollständig auf die zwischenmenschliche Beziehung – Erwachsener zum Kind – zurückgeworfen sind. Ganz grundsätzlich waren wir und die Kinder gezwungen, in einen Lernprozess einsteigen, bei dem sich, so durften wir hoffen, mit der Zeit einige Dinge klären werden.
 
Nach den Sommerferien hat sich dann auch einiges beruhigt. Die Kinder verstanden es besser, das Angebot der Spielwerkstatt als das zu nehmen, was es ist: etwas nämlich, das man nehmen oder lassen konnte. Gleichermassen waren vermutlich auch wir Erwachsenen etwas befreit vom Forderungsdruck der Kinder. Auch wir gestalteten unser Angebot als etwas, von dem man profitieren konnte, oder eben nicht. Freilich, sich auf diesem Standpunkt auszuruhen und  einer Antriebslosigkeit zu frönen, mit dem Argument, sich um keinen Fall den Kindern aufzuzwängen, wäre ebenfalls verfehlt.
Die Kunst unserer inhaltlichen Arbeit besteht darin, um ein lebendiges, attraktives Angebot bemüht zu sein und die Kinder mit der richtigen Mischung aus Anspruch und Zurückhaltung an dieses heranzuführen.
 
Mathis Rickli, März 2017
 
 
Zwischenbericht: Vier Jahre Spielwerkstatt (2012-2016)
 
Auch nach vierjähriger Arbeit an diesem Ort fällt es mir schwer zu formulieren, was die Spielwerkstatt ist. Immer aufs Neue geprägt durch unsere eigene, veränderliche Sicht- und Arbeitsweise und die ständig wechselnden Bedürfnisse unserer jungen Besucher scheint sich dieser Ort einer soliden Definition beharrlich zu entziehen. Was die Spielwerkstatt ist, was in ihr geschieht und wo sie hin will, darauf finden wir keine beständige Antwort.
 
Dieses Dilemma teilen die uns besuchenden Kinder nicht. Die Frage scheint gar nicht zu existieren in ihrem Katalog möglicher Fragen und würde sie gestellt, die Reaktionen fielen lapidar, erstaunt, desinteressiert aus.
Ohne Hinterfragen beanspruchen sie den Raum, nehmen uns in Anspruch und es wäre verkehrt, liefe es andersrum. Die Kinder kommen, wir sind da, das Wie, Was und Warum ist nebensächlich. Die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, mit der hier etwas undefiniert bleiben darf, dürfen wir uns zugute halten.
In erster Linie, so kann man vielleicht sagen, ist die Spielwerkstatt eben genau das: ein offener, ein undefinierter Raum.
 
Die Undefiniertheit ist gewachsen. Betrachtet man die Spielwerkstatt über die letzten vier Jahre, liesse sich eine Kurve zeichnen, die ein stetes Wegfallen von Strukturen markiert.
Wo vor vier Jahren noch viele kollektive Rituale und Regeln den Alltag der Spielwerkstatt strukturierten, etwa der gemeinsame Kreis am Anfang eines Nachmittags, das pünktliche Zvieri, das Fluchverbot, sind die Kinder nun einem nahezu leeren Raum gegenübergestellt, auf dem es Vieles immer wieder neu auszuloten gilt.
Die Leere des Raumes – und damit ist die Absenz von Spielsachen genauso wie das Fehlen von moralischen, religiösen oder pädagogischen Vorgaben gemeint– gilt es auszuhalten. Während die Kinder in der Leere zurückgeworfen sind auf sich selbst und nicht selten auf ihre Langeweile, bedeutet sie für uns eine permanente Konzeptarbeit.
 
Viele Kinder, die neu in die Spielwerkstatt kommen, sind mit einer solchen Situation erstmals überfordert – sie verwechseln sie mit Beliebigkeit. Durch unseren Verzicht auf ein konventionelles Regel- und Strafsystem sind die Kinder hin- und hergerissen, zwischen der empörten Forderung nach mehr Ordnung und Sanktion einerseits, andererseits aber einem umso heftigeren Austesten, wo denn unsere Grenzen liegen. Gut, haben wir da die älteren Kinder, die mit unserer Haltung schon besser vertraut sind. Warte nur, flüstern sie den Jüngeren, die Zeit, wo dein Verhalten seinen Tribut fordert, wird schon noch kommen. Sie wissen, dass wir zwar auf sofortige Sanktionen verzichten, unsere Haltung aber alles andere als beliebig ist. Unsere Reaktion auf Regelverletzungen, Frechheiten oder Verweigerungen berücksichtigt den dahinterliegenden Sinn; als Symptom der Nöte, Ängste oder Wünsche, welche die Kinder umtreiben. Nicht zuletzt lautet darum unser Anspruch, dass sie lernen, sich selbst auszuhalten und sich selbst vielleicht ein bisschen besser zu verstehen und anzunehmen.
Natürlich ist das anstrengend. Man stelle sich vor: dreissig Kinder, die es alle „wissen wollen“, in einem stets neu zu definierenden Raum, der in seiner Offenheit dazu einlädt, sich und seine Wirkung auf Andere auszuprobieren. Die Ausprobierlust, welcher wir insbesondere auch im Gestalterischen Platz einräumen, führt nicht eben zu einem konstanten Arbeiten. Unsere Tage sind dynamisch, chaotisch, wild und jedes Mal anders.
Eine Verbindlichkeit zu schaffen, inmitten diesem wirren, aber von Begehrlichkeiten vollen Raum, erfordert von uns Präsenz und Erneuerungsenergie. Ganz wesentlich hilft uns dabei unsere eigene Freude, unser Interesse am Gestalten, an der Kunst. Diese dient als Träger eines unumstösslichen Anspruches: In der Kunst verlangen wir etwas. Schnelles Lob über eine Gefall-Zeichnung gibt es bei uns nicht zu holen.
Den entstandenen Werken der Kinder messen wir eine hohe Wichtigkeit zu, in deren Betrachtung und Kommentierung sind wir ernsthaft und kritisch.
Das kleine Stückchen Kunst, welches wir von den Kindern fordern, ist eine der wenigen Konstanten in diesem veränderlichen Raum.
Manchmal braucht es länger, bis jemand fähig ist, dies zu geben, und manchmal werden wir überschüttet ob der dankbaren (Auf-)Forderung.
Theatralisch fluchend, mit gespielter Empörung, werfen sie es uns dann hin, das Ersehnte: eine Zeichnung, ein Text, ein Musikstück, etwas Echtes, Persönliches, Schöpferisches.
Unser Fordern ist nicht weniger theatralisch und wir fordern umso insistierender, je gewisser die schöpferische Kraft des jeweiligen Kindes auf der Hand liegt. Möglich wird das durch unser grundlegendes Vertrauen darauf, dass jedem Kind eine solche Kraft innewohnt und auf je eigene Weise zu einem Ausdruck finden will.
So schwankend, so unbestimmt, gar widersprüchlich wir in vielem sind: An dieser Qualität - am kleinen Stückchen Kunst - halten wir fest.
Es ist dies unser Stand-Punkt, der gleichzeitig hilft, aus dem Gewirr der drängenden Unersättlichkeit der kindlichen Ansprüche den roten Faden zu finden - zum kleinen Stückchen Kunst, das das Geschehen in der Spielwerkstatt trägt, bestärkt und erhebt.
 

Mathis Rickli, März 2016
 
 
Jahresbericht 2014
 
Mit der „Sammelstelle“ stand im Jahr 2014 ein umfangreiches Projekt im Vordergrund der Aktivitäten der Spielwerkstatt Kleinhüningen. Mit der Publikation der Projektdokumentation und der Veröffentlichung des dazugehörigen Filmes konnte das Projekt Anfang 2015 abgeschlossen werden. Unabgeschlossen sind die zahlreichen weiterführenden Fäden, die sich von der „Sammelstelle“ aus entspannen, hinein ins Quartier, hin zur Schule, zurück zu unserer Institution. Das Projekt stellte sich auf mehreren Ebenen als Inspirationsquelle heraus: sowohl die inhaltliche wie pädagogische Arbeit innerhalb der Spielwerkstatt fand mit dem Projekt eine nachhaltige Befruchtung. Insbesondere im Hinblick auf die anstehenden Veränderungen im Jahr 2016 (Öffnung der Gruppen, Verzicht auf Anmeldungen) darf man die methodischen Überlegungen aus der Sammelstelle als wertvolle Erfahrungen mitnehmen (siehe Dokumentation Sammelstelle).
 
Die Wichtigkeit des Nach-Aussen-Tretens mit der Spielwerkstatt, der Öffnung zum Quartier hin, der Vernetzung mit den ansässigen Firmen und Bewohnern, wurde uns durch die Sammelstelle erneut bewusst gemacht. Das Heraustreten aus den eigenen vier Wänden bedeutet sowohl für uns als Institution wie auch für die uns besuchenden Kinder und Jugendlichen eine Horizonterweiterung. 
Ein weiteres kleines Projekt, das abermals im Kleinhüninger Hafen stattfand, war das Bauen eines Pizzaofens. Unser Wunsch war es, einen dauerhaft installierten Lehm-Pizzaofen zu errichten, der für die freie Benutzung durch Familien, Kinder und Jugendliche aus dem Quartier zugänglich sein sollte.
 
Der gesamte Prozess, vom Bauen bis zum Backen, empfanden wir alle als äusserst beglückend. Den Materialien - Lehm, Stroh, Sand, Stein und Holz – und der damit verbundenen Verarbeitung – Stampfen, Kneten, Formen, Aufbauen - wohnte eine Archaik inne, die viele Kinder aus ihren z.T. beengenden Milieus weit herausholte. 
Sehr schön war auch die Mithilfe einiger Eltern. Die kulturelle Entwurzelung, die schwierige sprachliche Verständigung, die missliche soziale Situation, in der sich viele ausländische Familien hier in Kleinhüningen wiederfinden, schienen während des Bauens, des Brotbackens und des gemeinsamen Essens für einen Moment in den Hintergrund zu treten. 
 
Finanzielles und Personelles
Finanziell steht die Spielwerkstatt nach dem schwierigen letzten Jahr wieder auf einigermassen soliden Beinen. Auch hier kam die „Sammelstelle“ als positive Einwirkung zum Tragen: Durch den Gewinn des Kunstvermittlungspreises und dem damit einhergehenden Spendenzuwachs konnte die Spielwerkstatt im Jahr 2014 mit einem Gewinn von 12'400 CHF abschliessen. (Vergleich 2013: - 43'400 CHF)
 
Mit dem Weggang von Daniela Avcik im März 2014 verliess uns die ehemalige FABE-Anleiterin, welche Fadise Arslani zum erfolgreichen Abschluss gebracht hatte. Dadurch und durch weitere kleinere Umstrukturierungen konnten die gesamten Personalkosten der Spielwerkstatt um 10% gekürzt werden. Ansonsten bleibt die personelle Situation unverändert: Mathis Rickli arbeitet mit 80%, Katja Lienhard und Christian Schaffner mit je 50% und Anna Leupi mit 90% für die Spielwerkstatt Kleinhüningen.
 
 Mathis Rickli, März 2015
 
 
Jahresbericht 2013
 
Blickt man auf das Jahr 2013 in der Spielwerkstatt Kleinhüningen zurück, mag man gar nicht glauben, dass es sich nur um ein Jahr handelte. Es war ein bewegtes Jahr, mit vielen Veränderungen, Personalwechseln, grossen Projekten, voll von immer neuen Überraschungen. Wir können sagen, dass das Jahr 2013 für die Spielwerkstatt glücklich zu Ende gegangen ist.
 
Aus der grossen Aufräum- und Entrümpelungsaktion gegen Ende des Jahres 2012 erwuchs viel frische Energie. Plötzlich war Platz da für neue Ideen und Projekte. Die gelichteten Räume öffneten gleichsam einen geistigen Raum, in dem unsere Arbeit und die damit verbundene Haltung neu diskutiert und reflektiert werden konnte. Alte Strukturen wurden überdacht, neue Ansätze besprochen, veränderte Vorgehensweisen ausprobiert.
 
Eine für unsere Arbeit wichtige Einsicht hat sich innerhalb der vielen Teamsitzungen herauskristallisiert: Es müssen nicht alle Leiter immer am gleichen pädagogischen Strang ziehen. Im Rahmen offener Jugendarbeit darf sich die Offenheit auch in der Unterschiedlichkeit erzieherischer Haltungen seitens der Leiter spiegeln. Bestenfalls kann man, gar mit den Kindern zusammen, über die unterschiedlichen Herangehensweisen und persönlichen Eigenarten lachen. Voraussetzung dafür ist der gegenseitige Respekt, die – nicht zwingend bejahende - Anerkennung des Anderen.
 
Die Stimmung im Team war getragen von einem fröhlichen Schwung, der bisweilen fast ins Ungestüme zu drohen kippte – etwa, wenn wir zwei Projekte gleichzeitig anfingen oder fünf verschiedene Dinge nebeneinander zu verrichten versuchten. Phasenweise wuchsen uns die neuen Projekte und das plötzlich sichtbar gewordene Mögliche beinahe über den Kopf. Da das Team der Spielwerkstatt jedoch zu einer guten Zusammenarbeit fand, konnten wir viele (Über-)Belastungen auffangen.
 
Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat sich auf sowohl inhaltlicher wie auch pädagogischer Ebene verändert. Bestehende Strukturen wurden gelockert und offener gestaltet. Regelsysteme versuchten wir möglichst niedrig zu halten, und wenn es denn klare Verstösse gab, auf diese nicht moralisch, sondern von Mensch zu Mensch zu reagieren.
Interessant war, wie die Kinder und Jugendlichen mit diesem neu aufgegangenen Freiraum umgingen. Anfänglich noch verunsichert über den plötzlichen Wegfall vieler Regeln und Sanktionen, verfielen sie nach und nach in ein Austesten unserer Belastbarkeit und deren Grenzen. Dass unsere Haltung aber alles andere als beliebig oder teilnahmslos ist, sondern vielmehr ein klarer Anspruch dahintersteckt, – nämlich sie lehren Konflikte untereinander auszutragen, Verantwortung zu übernehmen, Eigeninitiative zu entwickeln, sich selbst auszuhalten –, das wissen die Kinder inzwischen.
 
Auf dem Felde der kreativen/gestalterischen Arbeit stellten wir beinahe dasselbe Muster fest. Wir sind bemüht, weniger Vorgaben oder Anleitungen zu liefern, die Rolle des Leiters nicht mehr als Verteiler tauglicher Rezepte zu sehen, sondern als Impulsgeber für eigene Ideen der Kinder und Jugendlichen. In diesem Prozess – einem vermutlich nie ganz abzuschliessenden – stecken wir mittendrin.
 
Mathis Rickli, März 2014