11. Januar, 2018

Die langweiligste Geschichte der Welt

 
 Neujahr Spielwerkstatt Kunstvermittlung


Massud hat heute eine schreckliche Wut in seinem Bauch. Er kann weder mit sich noch mit Anderen etwas anfangen und gräbt sich immer tiefer in eine tobende Zerstörungswut. Alle unsere Bemühungen, den 8-jährigen Buben da wieder heraus zu holen, scheitern, - Ablenkungsversuche, beruhigende Worte oder Ermahnungen scheinen ihn nur noch mehr anzustacheln. Was tun?

Als er anfängt Arbeiten von anderen Kindern zu zerstören, hat auch unsere Geduld eine Grenze erreicht: „Wenn du jetzt nicht aufhörst, Massud, dann...“ Alles stoppt. Die einzige Bewegung im Raum geht von Massuds Augen aus, ein vor Wut und Herausforderung funkelnder Blick erwartet den Abschluss der Drohung. „Ja, was dann? Was macht ihr dann?“

 

Mit Strafen ist es so eine Sache in der Spielwerkstatt. Aufgrund unserer auf Offenheit und Niederschwelligkeit basierenden Struktur – die Kinder kommen zu uns, ohne sich vorher anzumelden – besitzen wir weder über einen festen Kontakt zu den Eltern wie zu den Schulen. Ein konventionelles Regel- und Strafsystem liegt uns fern. In unserer Reaktion auf Verstösse, Frechheiten oder Verweigerungen versuchen wir den dahinterliegenden Sinn zu berücksichtigen; als Symptom der Nöte, Ängste oder Wünsche, welche die Kinder umtreiben. Sanktionen sind daher immer wieder Thema von langen Aushandlungen, die wir nicht selten mit den Kindern gemeinsam führen müssen. Manchmal gelingt das, viele Male scheitern wir, und bei ein paar seltenen, glücklichen Malen bietet sich plötzlich der unverhoffte Ausweg in die Komik an.

 

Massuds Blick ist in der Zwischenzeit nicht schwächer geworden, im Gegenteil, mit märtyrerhafter Wut erwartet er das Wahrmachen der Drohung. Es muss augenblicklich etwas her, Not macht erfinderisch und ohne zu überlegen ist es plötzlich heraus: „Dann... dann wirst du gezwungen, die langweiligste Geschichte der Welt dir anzuhören!“.

Es braucht einen Moment, bis die Wut in Verwirrung und schliesslich in versteckten Triumph umschlägt, dann aber geht es schnell. Die drakonische Strafe will entgegengenommen werden, unbedingt und sofort, störend nur, dass nun auch andere Kinder in den Genuss des Busse Tuns kommen wollen. Sie entgegnen, dass ja fast jeder einmal etwas Böses getan habe, und so sitzen schliesslich alle einvernehmlich im Kreis und harren der Strafe.

 

Wie genau die Geschichte ging - irgendein Hund, der läuft und läuft und dann anhält und dann wieder läuft - ist schon wieder vergessen; sie war ziemlich langweilig. Unvergessen jedoch bleibt, wie die Kinder die Strafe heldenhaft „aushielten“. Es half nichts, je monotoner, je quälender und nervtötender die Geschichte, desto fröhlicher wurde das Gekicher der Kinder.

 

Mathis Rickli, Januar 2018

 

4. Januar, 2017

Raum

 ashley, 8 jahre

 
Manchmal sind wir selbst erstaunt, wie das geht. Fünfunddreissig Kinder - nicht wenige von ihnen mit einem explosiven Gemisch aus drängenden Bedürfnissen und Nöten ausgestattet - verbringen zusammen einen Nachmittag in der Spielwerkstatt und am Schluss stehen alle Wände noch an ihrem Platz.
 
Eigentlich, so müsste man meinen, brächte der Raumanspruch jedes einzelnen unserer Besucher unsere beschränkten Räumlichkeiten zum bersten.
 
Ein Grund ist darin zu finden, dass sich die Spielwerkstatt nicht nur auf eine bemessbare Anzahl Quadratmeter beschränkt. Bei der Betrachtung der entstandenen Arbeiten der Kinder kann man feststellen, dass sie sich häufig um Raum drehen. An kleinen gebastelten Häuschen wie an den grossen Welterschaffungsbildern lässt sich das deutlich ablesen. Im Grunde aber besitzen alle Produkte der Phantasie diese raumöffnende Qualität: sie erweitern den begrenzten Wirklichkeitsraum um den unendlichen Raum der Phantasie. Die in der Spielwerkstatt entstehenden Geschichten, Bilder und Melodien schaffen auf wundersame Weise Platz - Platz, der nötig ist, um all das aufzunehmen, was im realen Leben möglicherweise keinen findet.
 
Dort, in diesem geheimnisvollen Gefilde lässt sich die reale Welt durchspielen, auf ungekannte und vielleicht tröstliche Weise. Die Phantasie schafft so auf ihre Weise Zugang zu Welt, - buchstäblich: ‚Beweltigung’ der Zumutung, in jenen Räumen leben zu müssen, in die wir ungefragt gesetzt worden sind.
 
Die Arbeit in der Spielwerkstatt besteht darum wesentlich in der
Ermöglichung und Würdigung genau jener fantastischen Räume – als Möglichkeits- und Erweiterungsräume, und nicht selten auch als Blitzableiter der realen Welt.
 
Und so geht es, geht es irgendwie, dass um fünf Uhr fünfundreissig Kinder nach Hause gehen, ein bisschen ruhiger vielleicht, und die Wände wie auch die Erwachsenen höchstens ein bisschen wackeln.
 
Mathis Rickli, Januar 2017